Nach den ersten knapp 500 Kilometern auf dem Arizona Trail (AZT) ist die Reise noch lange nicht zu Ende. Der Arizona Trail bleibt ein echtes Abenteuer, das mich immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Nach den intensiven Tagen aus Teil 2 meines Reiseberichts führen mich die nächsten Etappen durch zwei Wildnissgebiete, über heftige Höhenmeter, überraschenden Schneefall und vorbei am Halfway Point. Hier mein Bericht über die Tage 13 bis 19 auf dem Arizona Trail.
Hier findest du übrigens die offizielle Karte und das Höhenprofil des AZT.
Hier findest du meine 5,1 kg Packliste und meine Ausrüstung die ich auf meiner Tour am Arizona Trail (AZT) dabei hatte. Vielleicht sind auch für dich ein paar interessante Gegenstände fürs leichte Packen auf deiner nächsten Tour enthalten.
Tag 13 – Zwischenstopp in Superior (44 km / 524 km ges.)
Der Tag beginnt spektakulär mit goldgelben Schluchten, die die morgendliche Sonne in warmes Licht taucht. Der natürliche Schatten der Topografie macht den größten Anstieg erträglich. Oben angekommen, wartet der zweite Regenwasserkollektor – die einzige Wasserquelle auf einem sonst sehr trockenen Abschnitt. Viele Hiker haben hier übernachtet, ich treffe bekannte und neue Gesichter.
Als nächstes Zwischenziel wartet die Ortschaft Superior auf mich. Dort muss ich Verpflegung nachkaufen und möchte mich etwas vor Ort erholen. Wie die meisten Orte entlang der amerikanischen Trails liegt auch Superior nicht direkt am Weg. Es gilt mal wieder einen Abstecher entlang eines Highways zurückzulegen.
Der Abstieg zum Highway geht schnell, und tatsächlich nimmt mich gleich ein Auto mit. Superior empfängt mich als typisch amerikanisches kleines Städtchen – weitläufig und zu Fuß mühsam zu erkungen. Ich kaufe Proviant für die nächsten 40 Meilen und treffe „Dyonisis“, einen anderen Hiker der gerade vor dem Supermarkt seine elektrischen Geräte auflädt. Dyonisis pflegt seit seinem Start zuverlässig alle Wasserquellen in der FarOut-App ein. Ich habe mich also bereits mehrfach auf seine Hilfe verlassen, ohne ihn davor gekannt zu haben.
Gemeinsam gehen wir in ein italieniesches Restaurant und versuchen, den Ort am Nachmittag wieder zu verlassen. Der Hitchhike zurück zum Trail dauert deutlich länger als üblich. Es wirkt fast als würde Dyonisis langsam die Nerven verlieren. Er hätte schon längst ein Uber organisiert, würde es in dieser Gegend denn Uber-Service geben. Eine positive Einstellung hilft meist beim erfolgreichen Hitchhiken. Also nehme ich die Sache in die Hand, ändere unsere Strategie und nach kurzer Zeit sitzen wir auf der Ladefläche eines Pickups der uns zurück zum Trail bringt.
Viele Hiker bleiben für eine oder mehrere Nächte in Superior. Ein bekannter Trailangel namens MJ empfängt gastfreundlich Hiker in Superior. Mir ist diese Option aufgrund des grassierenden Noro-Virus zu riskant. Auf dem Trail, fernab enger sozialer Kontakte ist die Ansteckungsgefahr erheblich geringer.
Nachdem ich den Trail wieder erreiche, möchte ich noch ein paar Meilen schaffen. Unterwegs treffe ich „Spacejam“, mit dem ich ein Stück gemeinsam wandere. Im Dunkeln schalten wir unsere Stirnlampen ein und gehen noch ein Stück. Nighthiking ist nicht so mein Ding. Ich bevorzuge es, meine Umgebung während des Wanderns zu sehen. Deshalb baue recht bald mein Lager auf, während Specejam noch ein Stück weiter läuft.
Entlang des AZT liegen in regelmäßigen Abständen größere und kleinere Trail Towns. Von Süd nach Nord sind das folgende:
Patagonia – Vail – Tucson – Oracle – Kearny – Superior – Pine – Strawberry – Flagstaff – Tusayan – Grand Canyon Village – Jacob Lake








Tag 14 – Superstition Wilderness (44 km / 568 km ges.)
Der heutige Tag ist ein Auf und Ab – wortwörtlich. Die Superstition Wilderness empfängt mich mit anspruchsvollen 2.200 Höhenmetern Anstieg, teils steil und direkt den Berg hinauf. Der Untergrund ist oft steinig, lose und uneben, gegen Ende quere ich auch noch eine Burn Zone mit stark erodiertem Trail. Einige Passagen der Superstition Wilderness gefallen mir sehr gut, andere etwas weniger.
Aber mangelnde landschaftliche Schönheit wird für mich mehr und mehr zur Nebensache. Nach fast 600 km sind meine Schuhe (Altra Olympus*) bereits fast komplett durchgelaufen, der harte, steinige AZT fordert seinen Tribut – der Untergrund ist deutlich durch meine Sohle spürbar. Mich beunruhigt der Gedanke daran, dass ich erst in einigen weiteren hundert Kilometern meine Schuhe auswechseln kann.
Entgegen vielen Aussagen, dass der AZT nach erreichen Superiors einfacher wird, scheint der Trail sogar herausfordernderer zu werden. Die Temperaturen sind heute recht angenehm, sonst hätte ich die 12 Stunden auf den Beinen nur schwer geschafft. Für heute reicht’s – ich bin platt und freue mich auf den Schlafsack.





Wasserversorgung:
Einer der größten Herausforderungen auf dem Arizona Trail ist das Wassermanagement. Viele Abschnitte des Trails sind extrem trocken, und Wanderer müssen sich auf Wasser-Caches und Quellen verlassen, die manchmal sehr weit auseinanderliegen. In manchen Abschnitten gibt es bis zu 40 Kilometer Strecken ohne Wasserquelle. Dies ist besonders kritisch in den heißen Monaten.
Die Qualität vieler Wasserquellen am AZT ist unterdurchschnittlich bis schlecht. Wichtig sind ein zuverlässiger Wasserfilter und/oder eine chemische Methode zur Wasserentkeimung.
Leichte und portable Wasserfilter die sich für den AZT eignen sind z.B.:
- Platypus Quickdraw* (diesen hatte ich am AZT dabei)
- Katadyn BeFree Wasserfilter 1 Liter*
- Sawyer Squeeze*
Tabletten als Ergänzung und/oder Backup:
Tag 15 – Kurzbesuch der Marina am Roosevelt Lake (31 km / 599 km ges.)
Nach 15 Tagen auf dem Trail trifft mich heute ein erstes richtiges Tief. Der gestrige Abstieg sitzt mir noch in den Knochen. Die Wegführung gegen Tagesende war ausbaufähig. Der Abstieg war steil, rutschig und voller rolliger Steine – in direkter Falllinie den Berg hinab. Mein Lagerplatz war der bisher schlechteste dieser Tour. Den Skorpion, der neben meiner Zeltunterlage kroch, werte ich dabei als Highlight.
Eigentlich dachte ich: „Heute wird’s besser.“ Der Weg führt mich bergab Richtung Rossevelt Lake, dort wartet eine Marina und somit Essen, eine kurze Rast und ein Resupply.
Allerdings meinen es die Trailgötter nicht gut mit mir. Der Abstieg zum Roosevelt Lake setzt dem Ganzen die Krone auf: rutschig, steil, kaum Halt, ich rutsche mehrmals und fluche zum ersten Mal richtig. Mehrmals rudere ich mit den Armen, einmal lange ich im Telemark und verhindere einen kapitalen Sturz nur um Haaresbreite.
Angekommen an der Marina gönne ich mir eine Pause. Ich beschließe heute einen kürzeren Tag zu machen. Ich möchte meinen Spirit wieder finden. Der Resupply im Store ist erstaunlich gut, das Essen im Restaurant eher nichts für Vegetarier. So werden es eben gebackene Mozarella Sticks und Fries.
Der Nachmittag bringt den nächsten Anstieg – 1.300 Höhenmeter. Der Rucksack ist prall gefüllt mit Wasser. Mit etwas Trail Magic (eine Dose Sprite!) und neuer Energie finde ich aber wieder in den Rhythmus. Die Blicke zurück auf den Roosevelt Lake und die dunklen, aufziehenden Wolken in der Ferne sind teils spektakulär.
Heute mache ich früher Schluss. Die AZT-Passage durch die Four Peaks Wilderness eignet sich aufgrund des Terrains nur schlecht zum Campieren, also baue ich mein Lager am Rand der Wildnis auf und schließe den Tag früher ab.





Der Roosevelt Lake
🌊 Größter Stausee in Zentral-Arizona und Teil des Salt River Project.
🏞️ Entstanden durch den Theodore Roosevelt Dam (erbaut 1911, einer der ältesten großen Dämme in den USA).
💧 Wasserspeicher für Phoenix und Umgebung – wichtig für Landwirtschaft und Trinkwasser.
Tag 16 – Von Schneefall in der Wüste und dem Wandern auf Dirt Roads (46 km / 645 km ges.)
Was für ein Wetterwechsel! Einige kurze, heftige Böen und plötzlich beginnt es in der Nacht zu regnen. Irgendwann wache ich auf, in der Annahme ein Hering habe sich gelöst. Es ist nasser Schnee, der mein Zelt bedrohlich eindrückt. Die Zeltinnenseite ist voll Kondenswasser, leicht gefroren. Um die klaustrophobischen Zustände zu verbessern, klopfe ich den Schnee bestmöglich von den Zeltwänden. Im Schein der Stirnlampe offenbart sich eine weiße Winterlandschaft außerhalb meines Zelts. Die Schneemenge reicht gerade so um die Landschaft vollständig in weiß zu tauchen.
Morgens ist viel Schnee bereits geschmolzen, aber nass und kalt ist es trotzdem.
Der Trail ist im ersten Drittel sehr zugewachsen, ich bin komplett nass. Nasse Sträucher reiben sich an meinem Körper trocken, Schneematsch durchnässt meine Schuhe. Die wärmende Sonne versteckt sich hinter Wolken.
Irgendwann wird es wärmer und die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Der Weg wechselt auf Dirt Roads, an denen ich den ganzen Tag keine anderen Hiker sehe – stattdessen überholen mich Geländefahrzeuge. 4×4, ATV, Moto-X und zahlreiche andere Geschoße schießen ständig um die staubigen Kurven.
Der letzte Abschnitt des Tages ist wieder AZT-typisch: sanfte Hügel, großartige Ausblicke, perfekte Abendstimmung. Ein schöner Ausklang nach dem nassen Morgen.









Tag 17 – Half Way Point und „Wanderpromis“ (31 km / 676 km ges.)
Half Way – ein wichtiger Meilenstein! Heute passiere ich die offizielle Hälfte des AZT. Von nun an werden die Distanzen also nach unten gezählt und das Erreichen meines Ziels nimmt immer mehr Gestalt an.
Doch bevor es soweit ist, beginne ich den Tag mit dem längsten Hitch meiner Tour, ca. 50 km bis Payson. Die meisten Wanderer nehmen den Weg nach Payson deshalb nicht auf sich. Ich habe mich allerdings dazu entschieden meine Resupply-Strategie anzupassen. Ein Zwischenstopp in Payson ermöglicht mir die Resupply-Abschnitte kürzer zu halten und mit geringerem Gewicht für Proviant unterwegs zu sein. Ich wiege also Zeitverlust mit Komfortgewinn auf.
Bevor ich an der Straße mein Glück als Anhalter versuchen kann, schlage mich zuerst durch dichtes Buschwerk eine steile Flanke hoch zum Highway. Dort spaziere ich am Bankett entlang. Nach etwa 15 Minuten werde ich mitgenommen.
In Paysen kaufe ich für die nächsten 110 km ein und verspeise zwei große Veggie-Burritos zum Frühstück. Anschließend versuche ich zurück zum Trail zu kommen. Die Autos rollen vorbei, aber niemand nimmt mich mit. Ich versuche es geschlagene 1,5 Stunden. Hunderte Autos passieren mich, niemand bleibt stehen. Am Gehsteig treffe ich einen echten Thruhiking-Promi: „The Real Hiking Viking“ aka Jabba, mit 50k Followern auf Instagram. Mit meinem österreichischen Charm organisiere ich uns dann doch einen Hitch an der Tankstelle. Die Dame nimmt Jabba sogar deutlich weiter mit bis zum Flughafen in Phoenix, wo er seine Wanderung beendet.
Später als erhofft, führt mich der Nachmittag in die Mazatzal Wilderness. Die Kilometeranzahl bleibt dadurch überschaubar, aber das Gelände fordert mich mit anhaltendem Aufstieg und einem Mangel an guten Lagerplätzen. Ich gehe bis kurz nach Sonnenuntergang, bis ich endlich einen Platz finde.





Tag 18 – Arizonas größtes Wildnissgebiet Mazatzal Wilderness (44 km / 720 km ges.)
Die Mazatzal Wilderness ist eines der größten Wildnisgebiete Arizonas – heute verbringe ich den ganzen Tag darin. Viel Arbeit, viel Schweiß, aber die Landschaft und die Ruhe sind die Anstrengung wert. Ein ganz gewöhnlicher Tag im Outdoor-Office eben.
Der Trail ist schwer zu gehen, aber gut gepflegt. Lange Zeit sehe ich keinen anderen Menschen, nur ein F16-Jet zieht mit donnernden Turbinen wenige Meter über meinem Kopf vorbei. Lange Zeit denke ich, dass wäre die einzige „Menschbegegnung“ dieses Tages. Kurz vor meinem Lager treffe ich doch noch einen „Southbounder“ namens „Musk“. In Gedanken vertieft erschrecke ich als er mir entgegenkommt – ein kurzes Gespräch und dann wieder Ruhe.
Ich bin ein wenig enttäuscht, gerne hätte ich einen absolut einsamen Tag erlebt. Wie oft hat man das schon? Der AZT ist definitiv weniger „sozial“ als viele andere große US-Trails. Der AZT ist nicht überlaufen, keine große Buddy-Community wie PCT oder AT. Weniger Geprahle, weniger Show – genau mein Ding. Trotzdem ist man nicht komplett allein unterwegs, sondern hat ein solides Grundgerüst einer kleinen aber feinen Trail-Community. Das gefällt mir. In den letzten Jahren bin ich diese Seite der US-Trails etwas leid geworden. Diesbezüglich ist der AZT bisher genau ein Trail nach meinem Geschmack. Ich hoffe, das bleibt so bis Utah.




Tag 19 – Autopilot, Cow Pond und Vorfreude auf Pine (43 km / 763 km ges.)
Heute laufe ich fast im Autopilot-Modus, gedanklich schon in Pine, dem nächsten Ort. Dort gibt es morgen einen „Nero“-Tag – fast keine Kilometer, aber viel Erholung. Ich habe mehr als genug Zeit und keine Lust am Ende der Wanderung in Las Vegas oder sonst wo übrige Zeit totschlagen zu müssen. Meine letzte Dusche und Waschmaschinenladung sind nun 400 km her – längst überfällig.
Eigentlich ist das Trail-Profil recht zahm. Ein langgezogener Abstieg, gefolgt von einem langgestreckten Anstieg. Unterbrochen von ein paar steilen Passagen. Der Trail ist heute trotzdem technisch anspruchsvoll, steinig und unruhig. Ich stolpere mehr als ich laufe. Der Autopilot manövriert mich irgendwie durch.
Ich lese einen Eintrag im Wasserreport falsch. Statt einer Quelle finde ich einen „Cow Pond“, ein Matschloch mit Wasser, das ich notgedrungen nutze. Bisher habe ich diese mit Wasser gefüllten Matschlöcher vermeiden können und stattdessen mehr lieber mehr geschleppt. Mein Fehler zwingt mich zum „Wasser schöpfen“. Champagnerfarben glitzert das Wasser in meiner Flasche. Lecker.
Die letzte Wasserstelle des Tages ist dafür ein Hit – perfekt für AZT-Verhältnisse. Ich schlage mein Lager in Laufdistanz zu Pine auf und freue mich auf morgen.





Fazit der Tage 13-19 am Arizona Trail
Der Arizona Trail weist erneut anspruchsvolle Abschnitte auf, bringt Wetterkapriolen mit sich und bedeutet vor allem Natur und Wildniss pur. Der AZT ist kein Spaziergang, sondern fordert Kondition, manchmal auch Köpfchen und vorallem Durchhaltevermögen – aber genau das macht ihn so einzigartig. Ob Schneefall mitten in der Wüste oder Begegnungen mit Wanderpromis – die Erfahrungen die ich mache sind vielfältig und intensiv.
Weiter geht’s, die nächsten Tage warten mit neuen Herausforderungen!
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