Via Apina Grün Abbruch – Leider ein kurzes Abenteuer

von Weg als Ziel

Die Durchquerung der Schweiz entlang der Via Alpina Grün sollte der krönende Abschluss meiner Weitwandersaison 2021 werden. Lange geplant, stand diese Wanderung von Beginn an unter keinem guten Stern.

Mein Vorhaben

Die früh einsetzenden und heißen Sommer der vergangenen Jahre stimmten mich bereits im Frühjahr optimistisch, alpine Wege bereits Ende Juni/Anfang Juli schneefrei begehen zu können. Deshalb sah meine ursprüngliche Planung für 2021, naiv und blauäugig, den Start meiner Schweizdurchquerung für Ende Juni vor. Ein kalter und nasser Frühling brachte späten, teils massiven Schneefall in den Alpen. Da die Via Alpina zum größten Teil in großen Höhen verläuft und Pässe bis etwa 2.800 Meter Höhe überquert werden müssen, rückte ich bald von meinem ursprünglichen Startdatum ab.

Im Laufe des Sommers kam es zu weiteren Verschiebungen meines Startdatums. Ich legte meinen Fokus auf meine Wanderung am Nordalpenweg und konnte diese auch erfolgreich beenden. Leider beendete ich diese Wanderung mit einer Verletzung aufgrund einer Überbelastung. Die Zeit zum Ausheilen dieser Verletzung, das miserable Wetter im August und ein voller Terminkalender im September brachte mich unter Zugzwang. Die einzige Möglichkeit die Via Alpina Grün noch im Jahr 2021 zu erwandern bestand für mich in der zweiten Augusthälfte.

Prolog

Aufgrund dieses knappen Zeitfensters beschloss ich die Via Alpina trotz suboptimalem Wetter und nicht vollständig ausgeheilter Verletzung in Angriff zu nehmen. Als kurzer Test meiner körperlichen Belastbarkeit nahm ich meinen persönlichen Prolog zu dieser Strecke in Angriff. Die Strecke von Malbun in Liechtenstein nach Sargans in der Schweiz sollte mich nach etwa 10 Tagen Verletzungspause wieder auf das Wandern einstimmen. Außerdem diente dieser Prolog dem Lückenschluß zwischen meiner Durchquerung von Österreich (welche sich aus Nordalpenweg und Min Weag zusammensetzt) und der bevorstehenden Durchquerung der Schweiz. Während dieses überschaubaren Prologs spürte ich meine Beschwerden noch ein wenig, alles schien jedoch im machbaren Bereich zu sein.

Prolog Via Alpina Grün

Malbun in Liechtenstein während meines Prologs zur Via Alpina Grün

Auf der Via Alpina Grün

Bei guten und sommerlichen Bedingungen startete ich am darauffolgenden Tag meine Mission Via Alpina Grün in Sargans. Ich wollte das ganze etwas ruhiger angehen lassen. Ich startete spät und legte eine überschaubare Distanz bis nach Elm zurück.

Auf der Via Alpina Grün

Auf der Via Alpina Grün

In Elm nutzte ich den örtlichen Biwakplatz. Ein toller Platz am Ortsrand von Elm. Hier finden eine Handvoll Zelte in einem Waldstück Platz. Es gibt eine öffentliche Toilette, Waschgelegenheiten, Sitz- und Grillmöglichkeiten. Die Nutzung ist kostenfrei. Ein schönes Vorbild, welches man sich an mehreren Orten in unseren Alpen wünschen würde.

Biwakplatz Elm auf der Via Alpina Grün

Biwakplatz Elm auf der Via Alpina Grün

Generell glänzt die Schweiz durch eine hervorragende Infrastruktur und Servicelandschaft. Voller Handyempfang inkl. schneller 4G Verbindung auf entlegenen Alpenpässen, perfekte Zug- und Busverbindungen bis ins kleinste Alpendorf, Lebensmittelgeschäfte in den verstecktesten Regionen. Das Ganze kommt allerdings sprichwörtlich mit einem hohen Preis. Die Schweiz ist teuer. Eine Übernachtung in einer Unterkunft, einer Schutzhütte oder ein warmes Abendessen. In der Schweiz empfiehlt es sich vor Konsumation die Preisliste doppelt zu checken damit es keine böse Überraschung gibt. Spagetti ohne Sauce (ja nackte Nudeln stehen in der Schweiz auf manchen Speisekarten) für umgerechnet 13 Euro. Wo findet man sonst solche Preise? Während ein Bett in einem Matratzenlager in den Alpenvereinshütten in Österreich etwa 13 Euro kostet, muss man in der Schweiz gut und gerne das Doppelte oder Dreifache löhnen.

Aber zurück zum Wesentlichen. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage war miserabel. Viel Regen und tiefe Temperaturen waren angesagt. Die Kaltfront zog dann bereits früher als prognostiziert über mich. Einsetzender Regen und Blitze rissen mich aus dem Schlaf. Ich fluchte. Eigentlich plante ich damit zumindest bis zum Nachmittag des nächsten Tages halbwegs trocken zu bleiben. Kurz nachdem ich in einer Regenpause das Zelt verlasse, öffnet der Himmel endgültig seine Tore. Ich stehe in Elm am kleinen Busbahnhof während es aus Eimern schüttet. Es ist kalt. Der bevorstehende Pass zwischen meinem Standort Elm und Linthal ist hoch, steil und rutschig. Kein Ort an dem ich jetzt sein möchte. Frustriert beschließe ich die etwa 25 Kilometer bis Linthal zu umgehen. Hier verläuft keine Alternative Route also beschließe ich Bus und Zug nach Linthal zu nehmen. Elm ist relativ schnell von mir zu Hause via Auto zu erreichen. Ich nehme mir vor am Ende meiner Wanderung die fehlende Etappe von Elm nach Linthal nachzuholen. Auf der Fahrt nach Linthal lerne ich einen Tiroler kennen der in der Schweiz lebt. Sein HMG Rucksack verrät mir, dass er ebenfalls ein Wanderer ist, der sich mit dem Konzept des ultraleichten Wanderns auseinandersetzt. Er möchte den Pacific Crest Trail im kommenden Jahr wandern und testet derzeit seine Ausrüstung. Er hat seinen Zeltplatz um 3 Uhr nachts verlassen da ihn Blitze, Donner, starker Wind und Regen vertrieben haben. Ich fühle mich in meiner Entscheidung bestätigt. Wenn sogar ein Tiroler aus den Bergen vertrieben wird, dann müssen die Bedingungen echt miserabel sein. Zumindest rede ich mir das ein um mein eigenes Gewissen etwas zu beruhigen.

Busstation Elm auf der Via Alpina Grün

Busstation Elm auf der Via Alpina Grün

In Linthal angekommen mache ich mich bei, nun leichterem, Regen auf den Weg. Ein konkretes Ziel für heute habe ich nicht. Aber ich weiß, dass ich heute nicht in meinem Zelt nächtigen möchte. Ab Nachmittag ist starker Regen und ein Temperatursturz vorhergesagt. Wolkenverhangen geht es nach Urnerboden, zur scheinbar größten Alpe der Schweiz. Hier stehen unzählige Wohnwägen und Camper Vans am Bachufer. Ein schlechtes Gewissen sich mit einem kleinen Zelt in die Büsche zu schlagen muss man absolut nicht haben. Die Camper hier waschen sogar ihr dreckiges Geschirr im Bach. Keine Spur von leave no trace. Sehr schade. Ich lasse diesen Ort schnell hinter mir. Hoch geht es Richtung Klausenpass.

Klausenpass auf der Via Alpina Grün

Klausenpass auf der Via Alpina Grün

Immer wieder regnet es. Auf der anderen Seite geht es bergab. Meist sanft. Der Weg führt relativ unspektakulär bis Altdorf. Zwischen den Wolken kann ich das umwerfende Panorama erahnen. Ich merke, dieser Weg bzw. die Schweizer Alpen als Ganzes müssen bei schönem Wetter umwerfend sein.

Schlechtes Wetter auf der Via Alpina Grün

Schlechtes Wetter auf der Via Alpina Grün

Der Regen wird wieder stärker und ich beginne mich mit dem Thema Übernachtung auseinanderzusetzen. Die Strecke von Altdorf ist recht dicht besiedelt. Um einen trockenen Übernachtungsplatz zu finden, befrage ich die digitale Kopie meines Wanderführers um Rat. Etwa 12 Kilometer vor Altdorf gibt es ein kleines Hotel direkt an der Klausenpass Straße. Dort gibt es scheinbar auch halbwegs leistbare Übernachtungsplätze in einem Massenlager. Ich telefoniere mit der Unterkunft. Eigentlich ist das Massenlager derzeit gesperrt. Mir wird ein Einzelzimmer angeboten. Nach nettem Nachfragen ergibt sich mein gegenüber und mir wird eine (kostengünstigere) Nacht im Massenlager ermöglicht. Dabei schlafe ich ganz alleine in einem eigenstehenden, alten und urigen Holzhaus. Ein kleines Abendessen gönne ich mir dann aber doch. Für ein Bett im Massenlager, einer Portion Pommes und einer Rivella zahle ich knapp 50 Euro. Für die Schweiz ein Schnäppchen. Aber immerhin schlafe ich gut und habe es warm.

Herberge auf der Via Alpina Grün

Herberge auf der Via Alpina Grün – Die Schweiz ist teuer!

Der Plan für den nächsten Tag ist es ein paar Kilometer zu machen. Der gestrige Tag war wieder kurz. Mein ungeplanter Wegverlauf hat mich stark eingebremst. Aber Pläne werden bekanntlich gemacht um über den Haufen geworfen zu werden. Was sich in den letzten Tagen als starker Muskelkater im Schienbein angefühlt hat, macht sich am nächsten Morgen auf andere Art und Weise bemerkbar. Als ich Richtung Altdorf absteige spüre ich den Ansatz eines mir nun gut bekannten leichten Schmerzes. Nicht stark aber spürbar. Ein Ziehen im linken Schienbein. Mit jedem Schritt bergab. Die Erinnerungen an die letzte Nordalpenetappe werden mir wieder bewusst. Ich beschließe bis Altdorf zu gehen und dann die Situation neu zu bewerten. Das tue ich dann auch.

Tourabbruch

Dieser Weg stand unter keinem guten Stern. Die Vorzeichen waren da aber ich habe sie ignoriert. Angesicht der Erfahrungen aus den letzten Wochen habe ich in Altdorf beschlossen die Via Alpina Grün zu beenden. Meine Angst erneut eine mehrwöchige Pause oder gar größeren Schaden zu riskieren war zu groß. Anfang September geht es nach Frankreich auf Erholungsurlaub mit meiner Freundin Tina, Wandern inklusive. Mitte Oktober stehe ich am Start eines kurzen Ultralaufs. Eine potentiell längerfristige Geh- und Laufpause konnte und wollte ich mir nicht erlauben. Meine derzeit verfügbare Zeit um den Weg langsam zu gehen und den Körper somit zu schonen ist zu knapp. Um die Via Alpina Grün erfolgreich in der mir zur Verfügung stehenden Zeit zu erwandern, hätte ich mindestens 40 Kilometer und fast 2.500 Höhenmeter im Durchschnitt pro Tag zurücklegen müssen. Zu diesem Zeitpunkt schien mir das nicht möglich zu sein. Die Wetteraussichten mit Regen und kalten Temperaturen waren zusätzlich auch nicht besonders motivierend.

Via Alpina Grün Abbruch

Abbruch meiner Via Alpina Grün Wanderung in Altdorf

Nicht jede Weitwanderung endet so wie man sich das zu Beginn vorstellt oder erhofft. Aber es gibt ein schönes Sprichwort um alle gescheiterten Weitwanderseelen etwas aufzumuntern: „The trail will always be there.“ Der Weg wird immer da sein. Auch wenn meine Wanderung auf der Via Alpina Grün nicht so verlaufen ist wie ich mir das erwartet habe, hat sie mir Lust auf mehr gemacht. Lust darauf die Schweiz, unter dann hoffentlich besseren Bedingungen, zu durchqueren.

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