Am Tiefpunkt – Harte Tage während meiner Chemotherapie

von Weg als Ziel

Wie in meinem letzten Beitrag kurz berichtet ist nach jeder Chemogabe mit einigen sehr harten Tagen zu rechnen.  Diese Zeit nennt sich Aplasiephase.

Aplasiephase

In der Aplasiephase kommt es nach der Verabreichung der Chemomittel zu einer starken Einschränkung der Blutbildung im Knochenmark. Während dieser Phase muss besonders auf ein keimarmes Umfeld geachtet werden. Laienhaft gesprochen befindet sich das körpereigene Immunsystem und die eigene Blutbildung am Tiefpunkt.

Ständige Kontrolle und Überwachung

In dieser Phase erfolgt eine sehr engmaschige Kontrolle und Überwachung. Jeden Tag werden die Blutwerte im Labor analysiert. Alle paar Stunden werden Körpertemperatur, Blutdruck und Puls kontrolliert. Täglich wird das Körpergewicht gemessen. Prophylaktische Medikamente schützen vor ungewollten Infektionen. Bei Bedarf wird rasch eingegriffen und Komplikationen entgegengewirkt.

Am Tiefpunkt angekommen

Laut Aussagen der behandelnden Ärzte ist damit zu rechnen, dass etwa gegen Tag zehn nach Beginn der Chemotherapie die Aplasiephase den Tiefpunkt erreicht. Ich bin also vorgewarnt. Auf das was auf mich zukommt kann ich mich allerdings nicht vorbereiten. Meine ohnehin bereits niedrigen Blutwerte nehmen von Tag zu Tag ab. Mein Knochenmark hat die Blutproduktion mehr oder weniger eingestellt. Ich werde zunehmend abgeschlagener. Eine Gleichgültigkeit macht sich zunehmend in mir breit. Absolute Müdigkeit begleitet mich. Ich fühle mich blut- und sauerstoffleer. So muss es sich anfühlen auf über 8.000 Höhenmetern ohne Sauerstoffflasche zum Sterben zurückgelassen zu werden. Ein ständiges Gefühl von Schwindel überkommt mich. Mein Kreislauf funktioniert nicht mehr wie gewohnt. In einer Nacht gehen auf dem Weg zur Toilette meine Lichter aus. Ich erinnere mich daran wie ich in den frontal zum Badspiegel stehenden Leibstuhl sacke. Einige Zeit später komme ich zu mir, sehe mich verdutzt im Spiegel an. Mit verschwommener Sicht suche ich die Nottaste an der Wand neben mir. Die nächsten Tage bewege ich mich nur noch im Rollstuhl sitzend ins Bad. In den kommenden Nächten verwende ich gar eine Urinflasche zum Pinkeln. Zu sehr fürchte ich mich vor einem möglichen Sturz oder einem weiteren Kollaps. Ich muss lernen meine Scham und Eitelkeit Stück für Stück abzulegen. Angesichts meines Zustandes fällt mir das überraschend leicht.

Appetitlosigkeit

Der Verfall des Körpers, insbesondere der Muskeln schreitet rasant fort. Kein Wunder, halte ich mich doch vorwiegend im Bett auf. Eigentlich ist es mir ein großes Anliegen mein Gewicht zu halten. Substanz für die Therapie kann nicht schaden. Während der Aplasiephase lerne ich allerdings eine ungeahnte Appetitlosigkeit kennen. Teilweise bringe ich nur zwei bis drei Löffel hinunter. Mein Geschmackssinn ist vollkommen abhandengekommen. Eine fahl überzogene Zunge trägt nicht förderlich bei. Teilweise versuche ich durch medizinische Trinknahrung zumindest einige Nährstoffe zuzuführen. Am Ende der Aplasiephase werde ich vier Kilogramm Körpergewicht im Vergleich zum Zeitpunkt meiner stationären Aufnahme verloren haben.

Fieber

Bereits zu Beginn der Aplasiephase werde ich mit steigender Körpertemperatur konfrontiert. Unter starkem Schüttelfrost schnellt meine Temperatur in die Höhe. Intravenös verabreichte Medikamente senken das Fieber. Unter starkem Schwitzen bewegt sich die Körpertemperatur von knapp 39°C auf etwas über 37°C. Solche Fieberspitzen suchen mich nun regelmäßig heim. Während der ersten paar Fieberspitzen wird Blut abgenommen. Die Analysen sollen Rückschluss darüber geben was das Fieber bzw. die Infektionen auslöst. Fieber soll zu meinem Dauerbegleiter in den kommenden zehn Tagen werden. Ich wechsle von intravenös gegebenen Medikamenten auf herkömmliche Mexalen-Tabletten und versuche diese möglichst konservativ einzusetzen.

Infektion und Ausschläge

Neben dem Fieber plagen mich weitere Begleiterscheinungen die während einer Chemotherapie auftreten können.

Meine rechte Achselhöhle entzündet sich. Mein Oberarm schwillt auf den beinahe doppelten Umfang an. Der Arm ist rot, die Haut brennt. Jede Armbewegung ist mühsam und schmerzhaft. Schlafen auf der rechten Körperseite wird unmöglich. An der Unterseite meines Oberarms und in der Achselhöhle sammelt sich Flüssigkeit an, das Gewebe wird hart. Ab und an wird die Infektion mittels Ultraschall überprüft. Die genaue Ursache ist unklar. Fest steht, dass sich diese Entzündung vermutlich zu einem Abszess entwickeln wird. Allerdings erst wenn die Leukozyten im Blut wieder Werte annehmen um eine Immunreaktion hervorzurufen. Derzeit fehlen Leukozyten um Infekte wie diese überhaupt körpereigen anzugreifen bzw. auszuheilen.

Entzündung unter der Achsel nach Chemo

Entzündung unter der Achsel nach Chemo

Zusätzlich entwickelt sich ein flächiger, roter Ausschlag an meinen Oberschenkeln. Am Oberkörper bilden sich rote, juckende Punkte. Eine allergische Reaktion auf eines der Medikamente wie sich herausstellt. Jedenfalls gehen die Ausschläge nach Absetzen der Tabletten rasch zurück.

Hautausschlag nach Chemo

Hautausschlag nach Chemo

Antibiosen

Gegen die Infektionen werden mir unterschiedliche Antibiotika intravenös verabreicht. Ich hänge also weiterhin einen guten Teil des Tages an unterschiedlichen Infusionen. Neben den Antibiosen erhalte ich zusätzliche Flüssigkeit. Außerdem Kalium, da meine Kaliumwerte im Blut etwas zu niedrig sind.

ZVK Entfernung

Nach einigen Tagen wird mein Zentraler Venen Katheter (ZVK) gezogen. Die Blutanalysen haben ergeben, dass dieser Zugang vermutlich mit verantwortlich für meine Infektionen ist. Bei einem künstlichen Zugang wie einem ZVK besteht immer ein Restrisiko einer Infektion. Von nun an erfolgt also die tägliche Blutabnahme und die Gabe aller Infusionen wieder über einen herkömmlichen Venenzugang (Venflon). Die kommenden Tage werde ich also regelmäßig mit der Nadel malträtiert. Was mir bis vor wenigen Wochen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lies ist nun zur Routine geworden.

Haarausfall

Während einer Chemotherapie verliert man die Haare. Dieser Umstand ist wohl der geläufigste den man mit einer Chemotherapie verbindet. Auch bei mir setzt kurz nach der Chemogabe der Haarausfall ein.  Sanft und vorsichtig am Haupthaar ziehend merke ich dies bereits wenige Tage nach der Chemotherapie. Fehlende Haare sind derzeit mein geringstes Übel. Ich entscheide mich rasch dazu alle Haare zu entfernen. Ich habe keine Lust jeden Morgen in Büscheln von Haaren aufzuwachen. Über eine Stunde sitze ich auf einem Rollstuhl mit übers Waschbecken geneigtem Kopf. Strähne für Strähne, Büschel für Büschel entferne ich meine Haare. Mein Rasierapparat eignet sich nicht für mein mittlerweile lang gewordenes Haar. Um zu verhindern, dass das Waschbecken verstopft lege ich dieses mit Tüchern aus. Mangels Alternative verwende ich dazu Desinfektionstücher. Das stellt sich als Fehler heraus. Minutenlang atme ich die intensiven, alkoholhaltigen Dämpfe ein. Zu weit ins Waschbecken strecke ich meinen Kopf während des Prozederes. Zu meinem ständigen Schwindel gesellt sich also ein Gefühl von Betrunkenheit. Nach über einer Stunde erkläre ich den Prozess für beendet. Ich fühle mich als wäre ich gerade fünf Stunden gelaufen. Das Ergebnis ist nicht perfekt. Eine perfekt rasierte Glatze sieht anders aus. Aber ich bin zufrieden. Der erste Kahlschlag meines Lebens sieht besser aus als befürchtet.

Haarausfall nach Chemo

Haarausfall nach Chemo

Langsam geht es bergauf

Bei Unterschreiten gewisser Werte werden mir Blutplättchen und Fremdblut in Form von Konserven verabreicht. Nie hätte ich mir erträumen lassen fremdes Blut in Konserven in meinen Körper tröpfeln zu sehen. Groß war meine Abneigung und meine Angst vor Blut. Die Konserven stellen sich jedoch als Segen heraus. Mein scheinbar blut- und sauerstoffleerer Körper füllt sich zumindest kurzfristig mit etwas Leben. Nach einer langen Phase im Tal fehlt mir langsam die Perspektive. Wie lange hält diese Phase an? Die täglichen Visiten sprechen von stabilen Werten. Erwartungsgemäß sei der Verlauf. Langsam werde ich aber etwas mürbe. Mir fehlt ein Etappenziel, ein kleiner Lichtblick am Horizont. Dann wird damit begonnen mir Spritzen in das Fettgewebe am Bauch zu geben. Spritzen welche die Blutproduktion anregen sollen. Dann endlich spüre ich wie mein Körper langsam wieder zum Leben erwacht. In der Nacht, während dem Liegen, peitscht ein ständiger, leichter Schmerz meine Wirbelsäule auf und ab. Die Spritzen entfalten ihre Wirkung. Mit jedem Herzschlag fährt ein Schockstoß durch meine Wirbel. In den nächsten Tagen steigen meine Blutwerte. Ich schöpfe wieder Kraft und Mut. Endlich ist er da, der langersehnte Meilenstein. Ein Meilenstein auf meinem langen Weg.

Kannst du helfen?

Wenn du selbst etwas Gutes tun willst, dann kannst du gerne an eine der diversen Krebsorganisationen spenden. Der Verein  Geben für Leben hat sich z.B. der lebensrettenden Stammzellenspende für Krebspatienten mit Leukämie verschrieben. Die  Österreichische Krebshilfe ist eine zentrale Anlaufstelle generell zum Thema Krebs.

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2 Kommentare

berghutze 31. Dezember 2022 - 17:29

Hallo Dominik,
ich schreibe Dir unbekannterweise, um Dir alles Gute für die Bewältigung Deiner Krankheit zu wünschen. Da wir eine gewisse Schnittmenge an Wanderwegen (Nordalpenweg 01, GR 11) haben (wobei ich vor Deinen Tagesetappen allergrößte Hochachtung habe), bin ich im Ultraleicht-Trekking-Forum öfters über Deine Posts gestolpert und hatte mich schon gewundert, länger nichts von Dir gelesen zu haben. Umso schlimmer, den Grund hierfür zu erfahren. Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie es ist, derart aus dem Leben gerissen zu werden. Aber ich glaube und hoffe fest, dass Dein Mindset als Langstreckenwanderer Dir hilft, diese schreckliche Krankheit zu besiegen.
Für 2023 wünsche ich Dir das allerbeste,
Berghutze

Antwort
Weg als Ziel 4. Jänner 2023 - 10:58

Hallo Berghutze,
danke für deine Nachricht. Schön, dass wir einige gemeinsame Wege absolviert haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Erfahrungen aus dem Weitwandern mir bei der Bewältigung helfen. Einerseits physisch aber auch ganz klar psychisch.
Ich wünsche dir ein gutes Jahr 2023 und viele schöne Erfahrungen auf deinen Wanderungen,
Dominik

Antwort

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