5 Tipps zur Schuhwahl – Wie wähle ich die richtigen Schuhe für eine ultraleichte Weitwanderung?

von Weg als Ziel

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Wer eine Weitwanderung plant steht ganz unausweichlich irgendwann vor der Wahl des richtigen Schuhwerks für die kommenden Abenteuer. Der Markt ist groß und unübersichtlich. Es gibt unzählige Schuhhersteller, Modelle, Varianten, Formen und Materialien.

Damit die Wahl des Schuhwerks nicht zur Qual auf dem Weg wird, habe ich einige Tipps für euch zusammengefasst wie ich meine Schuhe für meine Weitwanderungen auswähle. Ich kann mich an keine Blasen oder andere gravierenden Einschränkungen verursacht durch meine Schuhe während meiner letzten Jahre des Wanderns erinnern. Die von mir gewählten Schuhe habe ich immer nach den folgenden Kriterien ausgewählt.

1. Passform

Schuhe müssen bequem sein. Auf einer Weitwanderung verbringen die Füße viele Stunden, Tage, Wochen oder gar Monate in den Schuhen. Viele Kilometer werden zurückgelegt und dabei Tausende oder gar Millionen an Schritten gemacht. Falten oder beengende Stellen denen du bei der Anprobe (noch) keine große Bedeutung beimisst können eine Tour in einem Fiasko enden lassen. Eine kleine Falte die du dir im Geschäft „wegdenkst“ kann nach Tausenden Schritte und der entsprechenden Reibung in unschönen Blasen oder noch schlimmer in blutigen Wunden enden. Der erste Eindruck ist meist der beste. Schon beim ersten Hineinschlüpfen musst du dich wohl fühlen. Verabschiede dich von Kriterien wie Aussehen und Design. Dem weniger passenden Schuh aufgrund von Farbe oder Design den Vorzug zu geben kann fatale Folgen haben. Und sowieso: spätestens nach vielen Kilometern ist auch der schönste Schuh schmutzig und durchgelatscht und du gewinnst damit keinen Schönheitswettbewerb mehr.

Schuhe müssen groß genug sein. Deine Füße werden wachsen! Eine Weitwanderung kann aus einem eingangs filigranen Füßchen gerne mal einen großflächigen Waldbrandaustreter machen. Die Belastung durch das Gehen, Blut das in deine Füße fließt, hohe Temperaturen welche die Füße anschwellen lassen und andere Faktoren ändern deine Füße. Deine Füße auf Tour sind nicht mit deinen Alltagsfüßchen vergleichbar. Daran solltest du bereits bei der Schuhwahl denken. Immer mindestens eine Nummer größer als deine übliche Größe ist Pflicht. Ich persönlich wähle für ganz lange Wanderungen sogar zwei Nummern größer. Das fühlt sich die ersten paar Kilometer gewöhnungsbedürftig an, spätestens nach ein paar Tagen bin ich aber froh über jeden Millimeter Platz. Über Socken, Schnürung oder auch Einlegesohlen kann die Größe bzw. der verfügbare Platz im Schuh unterwegs etwas justiert werden falls nötig. Generell gilt: Besser zu groß als zu klein. Zu klein kann nicht geändert werden, zu groß bietet dagegen Anpassungsmöglichkeiten wie dickere Socken oder Einlegesohlen.

Schuhe müssen breit genug sein. Können sich deine Zehen im Fußbett natürlich entfalten und kannst du sie auseinanderspreizen? Wenn du diese Frage mit nein beantworten musst, verabschiede dich von deinen Schuhen. Im natürlichen Gang spreizen sich deine Zehen und werden nicht künstlich zusammengehalten. Zu enge Zehenboxen sind auf Dauer sehr unangenehm, ungesund und führen leicht zu Blasen zwischen den einzelnen Zehen. Einige Hersteller bieten Schuhe in extra breiten Versionen an. Es gibt auch Hersteller die sich breiten Zehenboxen verschrieben haben. Im ultraleichten Weitwanderbereich sind das beispielsweise Traillaufschuhe von ALTRA oder Topo Athletic.

Groß genug soll der Schuh sein (min. 1 Daumen, besser mehr Platz im Zehenbereich). Sohle herausnehmen hilft als Sichtkontrolle.

Breite Zehenbox im Altra Timp 1.5

Altra Timp 1.5 – Schuhe von Altra haben üblicherweise extra breite Zehenboxen.

2. Sohle

Die Sohle bzw. das Profil der Sohle sollte an die erwartete Wegbeschaffenheit angepasst sein. Ein Laufschuh für die Straße mag noch so bequem sein, in felsigem, ruppigem, alpinen Gelände stoßt er irgendwann an seine Grenzen. Durch die intensive Belastung wird der Schuh schnell an seine Grenzen der Haltbarkeit kommen. Die Sohle ist durch, das Obermaterial reißt, dir fehlt der Halt in alle Richtungen, bei Regen rutscht du die feuchten Hänge hinunter. Dagegen fühlt sich ein stark profilierter Traillaufschuh (= Laufschuhe speziell für das Gelände) mit harter Gummimischung und integrierter Rockplate auf langen Asphaltabschnitten an wie ein Traktorreifen. Komfortables gehen geht auch anders. Es gilt vorab herauszufinden welchen Untergrund und welche Ansprüche eine Weitwanderung mehrheitlich bieten wird. Für eine relativ flache, technisch einfache Weitwanderung mag der Straßenlaufschuh die perfekte Wahl sein. Für bergige oder gar alpine Wege eignen sich insbesondere Traillaufschuhe. Sowohl Schuhe für die Straße als auch für Trails gibt es in vielen verschiedenen Varianten. Auch an die Dämpfung sollte gedacht werden. Viele Kilometer auf hartem Asphalt setzen den Füßen bei jedem Schritt zu, da kann eine stärkere Dämpfung die Schläge und Belastungen besser abfedern als ein minimal gedämpfter Schuh. Im Gelände kann eine starke Dämpfung unter Umständen das Gefühl für den Untergrund vermissen lassen. Ich persönlich bevorzuge bei langen Wanderungen lieber mehr als wenig Dämpfung. Die Dämpfungseigenschaften nehmen mit jedem Schritt ab (Schaumstoff wird gepresst und kehrt nicht mehr vollständig in die Ursprungsposition zurück), da starte ich lieber mit einem „Polster“. Auch hier der Hinweis: anprobieren und vergleichen. Nicht jeder mag einen stark gedämpften Schuh. Aber auch hier gilt, was sich erstmals ungewohnt anfühlt kann auch schnell zum eigenen Standard werden.

Hoka One One Evo Mafate 2 ein stark gedämpfter Schuh

Hoka One One Evo Mafate 2 – Ein stark gedämpfter Schuh mit Vibram MegaGrip Sohle

3. Haltbarkeit

Haltbarkeit spielt insbesondere bei Weitwanderungen ab Distanzen von mehreren hundert Kilometern eine bedeutende Rolle. Die Haltbarkeit eines Schuhs wird unter anderem wesentlich bestimmt von der Art des Schuhs, der Qualität des Schuhs und dem Einsatzgebiet. Schroffes Gelände, steile An- und Abstiege verlangen mehr von einem Schuh ab als ein einfach zu begehender Wald- und Wiesenweg. Ein sehr leichter, Straßenlaufschuh mit weicher Außensohle und dünnem Material ohne Verstärkungen an kritischen Punkten geht bei intensiver Dauerbelastung im Gebirge schneller in die Knie als ein Traillaufschuh mit entsprechendem Sohlenaufbau und Verstärkungen an wichtigen Punkten wie beispielsweise der Zehenbox. Schlecht verarbeitete Schuhe vom Discounter haben tendenziell eine kürzere Lebenszeit als qualitativ hochwertig verarbeitete Modelle von Spezialisten.

Es lohnt sich Schuhe schon vor dem Kauf auf etwaige Schwachstellen zu untersuchen. Sind die Nähte einwandfrei oder weiten sie sich bereits vor intensiver Belastung beim Wandern. Zeigt die Sohle Anzeichen dass sie sich eher früh als spät vom restlichen Schuh ablösen könnte? Sind neuralgische Punkte wie Zehenbox, Ferse oder Knickfalte an den Zehen besonders verstärkt? Lässt das vorhandene Profil bzw. die Profiltiefe und die Gummimischung erahnen ob die beabsichtigte Kilometerleistung erreicht werden kann? Untersucht den Schuh bis ins kleinste Detail, seid dabei nicht zimperlich. Knicken und biegen gehört dazu. Der Wanderweg eurer Wahl wird auch keine Gnade mit euren Schuhen zeigen. Entfernt die Einlegesohle und untersucht auch die „versteckten“ Stellen.

Je nach oben genannten Faktoren halten Lauf- und Traillaufschuhe üblicherweise zwischen einigen hundert bis etwa 1.000 Kilometer. Ich habe jedoch auch Schuhe die bei einem Kilometerstand von z.B. 1.300 Kilometern optisch vollkommen in Ordnung sind. Trotzdem sollten Schuhe irgendwann ausgewechselt werden. Die beste Dämpfung ist irgendwann plattgelaufen.

Brooks Cascadia 10 nach 1.100 Kilometern

Brooks Cascadia 10 – Im Idealfall halten Schuhe viele hundert Kilometer. Hier ein Brooks Cascadia nach 700 Meilen (=1.120 Kilometer). Teilweise mit Aquasure gefixt.

Zusätzlich einen bewährten Tipp am Rande: eine kleine Tube McNett Aquasure sollte in keinem Reparaturset fehlen. Diesen Neoprenkleber gibt es in kleinen und leichten 7g Tuben. Eigentlich zum Flicken von Neoprenkleidung gedacht, haucht dieses Wundermittel sich auflösenden Schuhen schnell ein paar hundert Kilometer weiteres Leben ein. Ich persönlich behandle damit sich frühzeitig abzeichnende Löcher oder Risse im Außenmaterial (meist Meshmaterial) an meinen Traillaufschuhen. Meist entstehen erste Risse an der Knickfalte der Zehen. Wird das Material dünn, trage ich flächig und großzügig den Kleber auf und lasse ihn austrocknen.

Hoka One One Torrent 2 nach 700 Kilometern

Hoka One One Torrent 2 – Nach 700 Kilometern Alpenüberquerung in Frankreich entlang des GR5. Außen ohne Makel, Profil bereits leicht verschlissen. Trotzdem noch einsatzbereit.

Inov-8 Trailtalon 290 nach 600 Kilometern

Inov-8 Trailtalon 290 -Nach 600 Kilometern auf der Pyrenäentraverse GR11. Außen top, Profil in Ordnung, Ferse innen mit erstem Verschleiß. Erstes gekauftes Paar wies schwache Nähte im Neuzustand auf und wurde reklamiert. Sichtkontrolle vor dem Kauf muss also sein!

4. Gewicht

Wer leicht oder ultraleicht unterwegs sein will sollte dieses Kredo unbedingt auch bei seinen Schuhen anwenden. Dicke, schwere Lederstiefel wiegen je nach Modell und Größe auch mal an die 1.000 Gramm, je einzelnem Schuh (!).  Bei jedem Schritt muss diese Maße gegen die Schwerkraft bewegt werden. Bei vielen Tausend Schritten pro Tag wird hierbei viel Arbeit verrichtet. Das ist kräfteraubend und ermüdend. Moderne Laufschuhe oder Traillaufschuhe wiegen deutlich weniger und man bleibt definitiv weit unter 1.000 Gramm je Paar (!). Das wiederum spart Kraft und Energie, das ermöglicht einem weiter und länger zu gehen oder einfach weniger belastet am Ziel anzukommen. Mit wenigen Ausnahmen (z.B. Notwendigkeit richtiger Steigeisen) braucht es auf Weitwanderungen keine Stiefel oder Schuhe welche über die Knöchel gehen. Die zusätzliche Stütze eines hohen Stiefelschafts lässt die Füße schwächer werden. Der Fuß muss dabei seine natürliche Funktion nicht mehr vollumfänglich selbst ausüben. Wer regelmäßig mit „flachen“ Schuhen im Gelände unterwegs ist stärkt seinen Bewegungsapparat, schärft dabei seine Sinne und das Gespür für den Untergrund und passt sich ganz von selbst an die technischen und unebenen Gegebenheiten an. Das dem Einsatzbereich von Traillaufschuhen kaum Grenzen gesetzt sind zeigen regelmäßig Athleten die technisch höchst anspruchsvolle Gipfel und Berge mit diesen leichten Schuhen erklimmen.

5. Funktionalität

Atmungsaktiv und schnelltrocknend sollen Schuhe beim Weitwandern sein. Feuchtigkeit durch Schweiß oder Nässe durch Regen sind ein Hauptgrund für Blasen (neben Reibung, Salzen und Schmutz). Die Haut an den Füßen wird bei Feuchtigkeit weich und anfälliger gegenüber mechanischen Verletzungen. Feuchtigkeit kann nur abtransportiert werden wenn der Schuh möglichst atmungsaktiv und somit schnelltrocknend ist. Füße die weniger lange feucht und somit weniger lange anfällig gegenüber Verletzungen sind bedeuten blasenfreiere Füße.

Gerne werden wasserdichte Schuhe als Must Have angepriesen und vermarktet. Gore Tex und andere Membranen stoßen jedoch irgendwann unweigerlich an Ihre Grenzen und bei starkem Regen oder in anderen Situationen (z.B. Flussquerungen) werden die Füße bei (fast) jeder Weitwanderung einmal nass. Auch wenn Membranen als atmungsaktiv vermarktet werden, sie sind es nicht. Nasse und feuchte Schuhe bleiben durch die Membranen länger feucht als Schuhe ohne Membrane. Dadurch steigt das Risiko sich Blasen zu laufen.

Hoka One One Challenger ATR 3 nach Regen

Hoka One One Challenger ATR 3 – Bei intensiver Nässe bleibt kein Schuh trocken. Hier nach einem Gewitter in den Pyrenäen. Atmungsaktive Schuhe ohne Membran trocknen schneller.

Du verwendest spezielle Einlegesohlen auf deinen Wanderungen? Überprüfe beim Kauf neuer Schuhe unbedingt ob die Schuhe auch mit den Einlegesohlen kompatibel sind. Größe, Form oder vertikales Volumen (z.B. in der Zehenbox) sind einige Eigenschaften von Schuhen welche durch Einlegesohlen verändert werden können. Während ein Schuh mit der Standardeinlegesohle ausreichend Platz bietet, kann eine spezielle Einlegesohle dazu führen, dass der Schuh zu wenig Volumen für deinen Fuß bietet. Deshalb heißt es auch hier: unbedingt probieren. Ich persönlich verwende auf längeren und anspruchsvolleren Wanderungen teilweise Einlegesohlen von Superfeet um mein Fußgewölbe zusätzlich zu unterstützen, vor „plattlaufen“ zu beschützen und somit Schmerzen vorzubeugen.

Hoke One One Torrent 2 mit Superfeet Carbon Einlegesohle

Hoke One One Torrent 2 mit Superfeet Carbon Einlegesohle – Die Einlegesohle hat mein Fußgewölbe auf 700 Kilometern Alpenüberquerung zusätzlich gestützt. Trotz spezieller Einlegesohle muss der Schuh weiterhin optimal passen und funktionieren.

Brooks Cascadia 11 mit Microspikes

Brooks Cascadia 11 mit Microspikes – Schuhe müssen funktional sein. In Eis und Schnee übernehmen z.B. Microspikes Funktionen von festeren und schwereren Stiefeln und sorgen für sicheren Halt, wie hier am Pacific Crest Trail in der tief verschneiten Sierra Nevada/Kalifornien.

Hoka One One Torrent 2 mit Gamaschenvelcro

Hoka One One Torrent 2 mit aufgeklebtem Gamaschenvelcro – Das Anbringen von Staubschutzgamaschen erweitert die Funktionalität von Schuhen, wie hier durch einen selbstklebenden Velcorstreifen zum Anbringen von Dirty Girl Gaiters Staubschutzgamaschen

Jeder Fuß, jeder Wanderer und jede Wanderung sind individuell

Jeder Wanderer hat unterschiedliche Füße. Größe, Form oder Fußgewölbe. Kein Fuß gleicht dem anderen. Meist gibt es sogar Abweichungen zwischen den eigenen beiden Füßen. Mein rechter Fuß ist beispielsweise um etwa eine halbe Größe größer als mein linker Fuß und bestimmt somit die Schuhgröße beim Kauf.

Wanderstile unterscheiden sich voneinander. Jeder von uns hat unterschiedliche Gangbilder. Der Gang ändert sich im Laufe des Tages, beispielsweise aufgrund von Ermüdung. Anforderungen an die Schuhe, Beanspruchung und der Verschleiß sind davon abhängig.

Einsatzgebiet, Einsatzzweck und Szenario können unterschiedlich sein. Eine Wanderung führt in alpine Gegenden, während sich die andere entlang flacher Küstenstreifen vorwiegend auf festen Wegen schlängelt. Einmal muss Verpflegung für eine Woche getragen werden und der Rucksack ist schwer, ein anderes Mal lockt die tägliche Hütteneinkehr und der Rucksack ist leicht.

Lange Rede, kurzer Sinn. Es gibt nicht den einen perfekten, passenden Schuh. Die richtige Schuhwahl ist individuell und situationsabhängig. Deshalb sollten Schuhe immer:

  • probiert werden,
  • mit möglichst vielen anderen Modellen verglichen werden
  • und möglichst viel im Vorfeld unter den zu erwartenden Bedingungen getestet werden.

Mit diesen Tipps zur Schuhauswahl sollte einer erfolgreichen, schmerz- und blasenfreien Wanderung nichts mehr im Wege stehen. Eure Füße werden es euch danken.

Glückliche und blasenfreie Füße

Glückliche und blasenfreie Füße dank passender Schuhwahl – Hier am Pacific Crest Trail in der Sierra Nevada/Kalifornien

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