Hoka One One Torrent 2 – Ein ausführlicher Erfahrungsbericht

von Weg als Ziel

Im Frühjahr 2020 brachte Hoka One One mit dem Torrent 2 das Nachfolgemodell des beliebten Torrent 1 auf den Markt. Bereits in der ersten verfügbaren Charge bestellte ich mein persönliches Paar. Ich beschloss den Torrent 2 auf meiner 700 Kilometer Alpenüberquerung entlang der französischen GTA dem ultimativen Belastungstest auszusetzen. Meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen lest ihr im nachfolgenden Erfahrungsbericht.

Das erste Modell des Hoka One One Torrent ist mein All Time Favorite unter den Traillaufschuhen. Schnell, leicht, luftig. Seine hohe Reaktionsfreudigkeit und etwas abgespeckten Dämpfungseigenschaften machten den flotten Trailracer zum Hoka untypischsten aller Traillaufschuhe. Etliche Paare des Ur-Torrent befinden sich in meiner Sammlung und rotieren weiterhin in meinem Shuffle an Laufschuhen. Meine Erwartungen an den Torrent 2 waren entsprechend hoch.

Meine persönlichen 5 Kriterien zur Schuhauswahl für ultraleichte Weitwanderungen hat der Torrent 2 jedenfalls vorab erfüllt.

Erster Eindruck

Im Vergleich zu seinem Vorgänger wirkt der Torrent 2 behäbiger und schwerer. Optisch und stilistisch sind seine Gene unschwer zu erkennen, trotzdem weist der Torrent 2 einige Neuerungen auf. Die wesentlichste Änderung stellt die Verwendung eines komplett neuen Mesh-Obermaterials dar.

Umlaufende Overlays sollen die Füße auf dem Trail schützen und peppen die Optik auf.

Die Stollen wurden in der neuen Version anders positioniert und die Sohle farblich gesprenkelt. Generell sieht der Torrent 2 sehr schick aus.

Er ist in einer breiten Palette an Farbkombinationen verfügbar, sodass jeder Geschmack getroffen wird.

Hoka One One Torrent 2

Hoka One One Torrent 2 – Nach 700 Kilometern Alpenüberquerung in Frankreich entlang des GR5.

Hoka One One Torrent 1

Hoka One One Torrent 1 – Der Vorgänger des Torrent 2 (frisch aus der Schachtel)

Obermaterial

Eine spezielle Mesh-Konstruktion aus recyceltem, aufbereiteten Plastik ist die auffälligste Neuerung im Vergleich zum ersten Torrent.  Die Overlays schützen den Fuß rundum und peppen den Look zusätzlich auf.

Das Obermaterial wirkt dicker und dadurch deutlich robuster als jenes des Vorgängermodells. Das Obermaterial des Torrent 1 war relativ dünn und luftig, war außerdem leicht „stretchig“. Etliche Reviews und Testberichte sehen im Obermaterial des Torrent 2 eine deutliche Verbesserung. Das ist natürlich Geschmackssache.

Ich persönlich bevorzuge das Obermaterial des Torrent 1. Dünn und luftig hat für mich definitiv Vorteile bei hohen Temperaturen, außerdem trocknet der Schuh so deutlich schneller. Der leichte Stretch beim Torrent 1 hat für mich wesentlich zum Komfort des Schuhs beigetragen. Auf Downhills, wenn die Zehen tendieren gegen die Zehenbox zu drücken, scheint das Obermaterial im Zehenbereich leicht nachzugeben und reduziert dadurch gefühlt den Impact auf die Zehen und hilft so Druckstellen oder gar Blasen vorzubeugen. Das ist natürlich meine persönliche Präferenz. Andere bevorzugen einen starken „Lock“ im Schuh und verdammen jeden Millimeter den der Schuh nachgibt.

Das Obermaterial des Torrent 2 ist dagegen deutlich dicker, kann als 2 Lagen Sandwich beschrieben werden. Unterstoff und Oberstoff. Mit wenig bzw. keinem „Stretch“ wie ihn der Torrent 1 suggeriert hat. Bei Regen auf meiner Alpenüberquerung hat sich das Obermaterial regelrecht mit Feuchtigkeit vollgesogen und diese Feuchtigkeit nur schwer wieder verdunsten lassen. Auf den zur Schweiz grenznahen Etappen vom Genfersee Richtung Süden hat das durch Dauerregen durchnässte Obermaterial unschöne Falten in der Knickfalte der Zehenbox geworfen. Das hat soweit geführt, dass die Knickfalte oben auf meine Zehen gedrückt hat und ich Blasen oberhalb der Zehen bekommen habe. Also an einer eher unüblichen Position für Blasen. Aufgrund der Materialdicke trockneten die Schuhe auch nur mittelmäßig schnell (besonders im Vergleich zum Torrent 1). Das soll nicht heißen das der Torrent 2 hinsichtlich Obermaterial völlig versagt. Sein Vorgängermodell hat die Messlatte nur sehr hoch gelegt und der Nachfolger hat sich an dieser Vorgabe die Zähne ausgebissen.

Passform

Ein Grund wieso ich den Vorgänger Torrent 1 geliebt habe war seine relativ breite Zehenbox. Ich bin mit breiten Füßen bestraft und Hoka schneidet seine Modelle üblicherweise eher schmal. Der Ur-Torrent war hier eine willkommene Ausnahme.

Der Torrent 2 kommt etwas schmaler daher als sein Vorgänger. Zumindest fühlt er sich so an. Ein Grund für dieses schmalere Gefühl mag das bereits angesprochene weniger nachgiebige Obermaterial sein. Glücklicherweise produziert Hoka den Torrent 2 bis zur Schuhgröße 50 2/3 (US15), beim Torrent 1 war bei 49 1/3 (US14) Schluss. Während ich beim Torrent 1 zur Größe US14 gegriffen habe, habe ich mich beim Torrent 2 für eine Nummer größer (US15) entschieden. Ein Grund für diese Entscheidung war der vorgesehene Einsatzzweck. Während ich den Torrent 1 bis dahin vorwiegend beim Traillaufen verwendet hatte, sollte mich der Torrent 2 auf einer Weitwanderung begleiten. Beim Traillaufen benötige ich auf Grund der höheren Geschwindigkeit mehr Sicherheit und Stabilität als beim Weitwandern. Beim Weitwandern ist ausreichender Platz im Zehenbereich noch wichtiger als beim Laufen, deshalb ging ich kein Risiko ein und entschied mich für eine Nummer größer.

Hinweis: Für den primären Einsatz beim Traillaufen würde ich den Torrent 2 in derselben Größe wählen wie seinen Vorgänger.

Ansonsten fühlt sich der Schuh toll an. Reinschlupfen und wohlfühlen. Der Torrent 2 ist wie auch sein Vorgänger definitv nicht der „sicherste“ Schuh am Markt. Wer auf vollen „Lock“ im Schuh steht wird woanders wahrscheinlich besser bedient. Der Torrent 2 bietet aber eine gute Mischung zwischen Wohlfühlen, Sicherheit und Stabilität.

Sohle und Grip

Neu ausgerichtete, multidirektionale Stollen sollen für optimalen Grip auf unebenem Gelände sorgen.

Bereits der Torrent 1 war ein sicher zu laufender Schuh mit ausgewogenem Grip. Bei Nässe stieß die Gummimischung allerdings an seine Grenzen.

Auch das neue Modell schlägt in diese Kerbe. Sehr gut auf trockenen Wegen, leichte Schwächen bei Nässe. Hier wäre etwa eine Gummimischung von Vibram wünschenswert.  Trotzdem hat mich der Schuh gut und sicher über 700 Kilometer begleitet. Die 37.000 Höhenmeter im Abstieg über die Alpen hat er mich fast ohne Stürze zurücklegen lassen. Einmal bin ich gestürzt, als sich eine Dornenranke derart am Schuh verfangen hat, dass es mir regelrecht die Beine wegzog. Da kann der Schuh aber nichts dafür. Gegen Ende meiner Tour hat sich der nachlassende Grip bemerkbar gemacht. Steile Abstiege auf trockenen, staubigen und rolligen mediterranen Wegen musste ich nach etwa 500-600 Kilometer etwas vorsichtiger angehen. Nachlassender Grip traf auf die teilweise anspruchsvollsten Abstiege der Tour. Eine unfaire Ausgangssituation. Nach 700 Kilometern sind die Stollen nicht mehr jungfräulich, trotzdem würde ich dem Schuh etliche weitere Kilometer auf nicht allzu anspruchsvollen Trails zutrauen.

Hoka One One Torrent 2

Eine Ranke brachte mich zu Sturz. Der Torrent 2 kann nichts dafür.

Haltbarkeit

Hinsichtlich Haltbarkeit gibt es beim Torrent 2 absolut nichts zu bemängeln. 

Das Obermaterial weist auch nach 700 Kilometern keine Schwächen oder gar Schäden auf. Typische Risse in der Zehenbox, wie sie bei vielen Weitwanderern üblich sind, sind keine vorhanden. Es deuten sich nicht mal welche an.

Beschädigungen innen an der Ferse, wie sie oft durch Reibung beim Gehen verursacht werden, hatte ich keine.

Die Einlegesohle weist die üblichen Abnutzungserscheinungen auf. Dünn geworden bzw. leicht durchgerieben an den Stellen mit der höchsten Beanspruchung (unter den großen Zehen). Nichts was nicht normal wäre.

Die Abnützung der Sohle habe ich bereits oben angesprochen. Auch hier gibt es absolut nichts zu bekriteln.

Hoka One One Torrent 2 Haltbarkeit

Der Torrent 2 noch im Zug auf der Heimreise nach meiner Alpenüberquerung. Der Schuh hätte weiter gemacht, wäre da nicht das Mittelmeer gekommen.

Preis

Der Torrent 1 war mit einem OVP von 120 Euro geradezu ein Schnäppchen am Trailschuhmarkt. Wer geduldig war und klug kaufte, konnte dieses Modell immer wieder für unter 100 Euro käuflich erwerben. Für einen sehr guten Preis bekam man eine Menge Schuh, die Grundlage für tolle Stunden auf Trails oder Wanderwegen.

Der Torrent 2 folgt dem allgemeinen Weg aller Hersteller. Ein Nachfolgemodell muss teurer werden als sein Vorgänger. Üblicherweise steigen die Preise um 10 Euro pro Saison. Auch der Torrent 2 hält sich an dieses Schema und sein OVP liegt bei 130 Euro. Wer den Markt kennt weiß, dass dieser Preis absolut wettbewerbsfähig ist. Trotzdem heiße ich die Tendenz zu immer höheren Preisen nicht gut.

Auf dem Trail

Die entscheidendste aller Fragen ist die wie sich der Schuh auf dem Trail bzw. auf meiner Weitwanderung geschlagen hat? Würde ich den Schuh auch für zukünftige Touren dieser Art wählen?

Einfach geantwortet: Ja, ich würde den Schuh auch für zukünftige Weitwanderungen in Betracht ziehen. Der Hoka One One Torrent 2 ist ein sehr gutes Gesamtpaket und macht fast alles richtig. Er überzeugt mit einer hervorragenden Haltbarkeit, solidem (aber nicht überragendem) Grip auf anspruchsvollen Wegen, er ist komfortabel zu tragen und leicht genug für viele Tageskilometer. Auch wenn das Obermaterial in vielen Testberichten überaus gelobt wird, stellt es für mich eine Verschlechterung im Vergleich zum Vorgänger dar. Etwas luftiger könnte es für meinen Geschmack sein. Das würde potentiell nasse Schuhe auch besser trocknen lassen. Vielleicht hätte ich dann auch nicht mit den Blasen an der Zehenoberseite durch die nassen Knickfalten zu kämpfen gehabt. Für die Haltbarkeit ist das robuste Material wiederum von Vorteil.

Hoka One One Torrent 2 auf dem Trail

Der Torrent 2 tut was er soll. Er läuft und läuft und läuft.

Fazit

Der Hoka One One Torrent 2 ist ein gelungener Trailschuh der sich sowohl fürs Traillaufen als auch fürs Wandern und Weitwandern eignet. Er trägt die Bürde sich an einem nahezu perfekten Vorgängermodell messen zu müssen. An die Qualitäten seines älteren Bruders kommt der Torrent 2 nicht ganz heran. Hinsichtlich Agilität, Passform und Obermaterial hat der Torrent 2 knapp das Nachsehen. Trotzdem ist der Torrent 2 ein verdammt guter Schuh. Sollten meine Restbestände des Vorgängermodells irgendwann zu Ende gehen, dann wird der Torrent 2 mein neues Arbeitstier.

Mein größter Wunsch an Hoka One One wäre ein Torrent 3 in einer breiten Version, mit einer Vibram-Sohle und einem Obermaterial welches sich an der ersten Version orientiert. Ein eingefrorener Preis wäre auch ganz nett.

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